
Was ist wahr?
Es ist schon ein Stück weit her als ich das letzte Mal mich direkt auf Facebook angemeldet habe. Noch vor dem Cambridge Analytica Skandal sah ich wenig Sinn darin aktiv oder auch passiv Facebook zu verwenden. Ich hab einfach nicht gewusst was ich von mir teilen soll und so wurde daraus Überdruss und Langeweile. Der erwähnte Cambridge Analytica Skandal, aber schlug bei mir ein wie eine Bombe. Sicherlich ich bin kein Experte was Programmierung angeht, aber ich konnte schnell ein Gefühl dafür entwickeln welche Macht unsere abgegebenen Daten beinhalten. Stimmen die eindrücklich auf persönliche Datenhoheit gedrängt haben gab es schon vorher. Aber dieses Mal wurde mir wirklich sichtbar vor Augen geführt was passieren kann wenn man nicht weis wie die Software im Hintergrund funktioniert und welche Daten abgegriffen werden. Und heute? Heute sind es nicht mehr Anwendungen im Browser die für andere den Datenschatz heben, sondern es sind die Apps auf unseren mobilen Geräten die diesen Schatz durch stetiges auffordern heben. Es ist doch erstaunlich das Facebook trotz des Skandals gewachsen ist und fast 70% der sozialen Netze auf sich vereinen kann. Trotz meiner Zurückhaltung blicke ich immer noch fasziniert auf diese Medien und ich frage mich was es ist das uns immer tiefer in diese Welt zieht. Ist es die Sucht nach Dopamin? Seit neuestem wird darüber diskutiert das soziale Medien einen negativen Einfluss auf die jüngsten in unserer Gesellschaft haben. Die Tendenz geht zum Verbot von sozialen Medien wie Instagram und TikTok für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre. Persönlich bin ich für ein Verbot, weil es sich besser Durchsetzen lässt als eine Moderation oder technische Altersverifikation. Selbstverständlich wird ein Verbot nicht vollständig Flächendecken wirken. Es wird immer welche geben die einen Ausweg aus ihrem persönliche Dilemma finden werden.
Die Entwicklung moderner sozialer Medien
Wann hat alles angefangen? Computernetze wurden anfangs geschaffen um militärisch widerstandsfähiger zu sein. Gleichzeitig nutzten Universitäten die Vernetzung um den wissenschaftlichen Austausch zu verbessern. Als Tim Berners-Lee 1989 mit der Entwicklung von HTML das Internet brauchbar gemacht hatte, da hat er den wissenschaftlichen Austausch im Sinn. Aber er hat auch den Grundstein für das moderne Internet gelegt. Ich betrachte die Idee eines digitalen Austausches über Grenzen hinweg als Grundanlage eines globalen sozialen Netzes. 1997 wurde SixDegrees gegründet. Es war das erste soziale Netz das unseren heutigen ähnlich ist. Es folgten MySpace 2002, studiVZ 2007 und Facebook 2008. Gemeinschaften bilden sich um Geschichten herum und auch wenn man die Generationen nicht scharf abgrenzen sollte, hat sich um die Jugend herum eine eigene digitale Kultur entwickelt die sich nun auch auf ältere Generationen ausbreitet wenn man den aktuellen Meldungen im Feburar 26 glauben schenken kann. Mit der Kommerzialisierung verschob sich dann die Ausrichtung und Wirkung der sozialen Netze hin zur algorithmischer Steuerung der Aufmerksamkeit mit dem Ziel der Maximierung der Werbeeinnahmen. Heute steuern die Algorithmen und künstlichen Intelligenzen die Aufmerksamkeit und damit steuern sie auch indirekt die freie Meinungsäußerung. Nach Außen stellen sich die großen Technologieunternehmen immer als Förderer der freien Meinungsäußerung dar, aber faktisch schränkt die Kommerzialisierung und die Wachstumslogik die freie Meinungsäußerung ein indem nur sichtbar wird was Aufmerksamkeit erzeugt.
Der Cambridge Analytica Skandal bei Facebook (#DeleteFacebook)
Als Facebook 2010 mit Open Graph es Dritten über eine API ermöglichte die sozialen Beziehungen der Nutzer einzusehen hat sich wahrscheinlich nur ein eingeweihter Teil darum gesorgt. Ab diesem Zeitpunkt war es zahlenden(?) Drittentwicklern möglich die sozialen Beziehungen zwischen den Nutzern einzusehen einschließlich Likes, Interessen und Freundeslisten! Im Gegensatz zu heute habe ich mir um 2010 mir keine Gedanken um Metadaten und deren Auswertung gemacht. Harmlos waren noch Onlinespiele wie Farmville die anzeigten welche Freunde auch auf gesagtem Ort spielten. Gefährlicher und auch nicht zu akzeptieren war die politische Verwendung dieser Daten zum Beispiel durch die Kampangne von Barak Obama 2012 um sich mit potentiellen Wählern in Verbindung zu setzen. Das geflügelte Sprichwort „Wissen ist Macht!“ hat so einen Düsenantrieb bekommen. Wir können nicht abschätzen welche Daten abgeschöpft werden und wie diese verwendet werden. Das Steve Bannon, der spätere Berater von Donald Trump, die Firma Cambridge Analytica geleitet hat spricht Bände. Durch die Daten, die vom Datenwissenschaftler Aleksandr Kogan mittels der Software „thisisyourdigitallife“ erst gesammelt wurden und dann an Cambridge Analytica weiter verkauft wurden, wurde es möglich Menschen im digitalen sozialen Umfeld zu manipulieren. 2016 nutzte die Kampangne um Donald Trump die Daten zur maßgeschneiderten Werbung. Gezielt wurden noch unentschlossene Wähler mit negativen Informationen zu Hillary Clinton versorgt, während die Anhänger von Donald Trump heroische Bilder ihre Idols zu sehen bekamen. Lüge und Manipulation waren die Treiber dieser Wahl und nicht mehr die Inhalte die die Bewerber vertraten. Ich behaupt das diese Wahl vollständig verloren gegangen ist.
Das wirft auch ein Schlaglicht auf die vor uns liegenden Wahlen. Der Cambridge Analytica-Skandal hat mir wirklich die Augen geöffnet: Es geht längst nicht mehr nur darum, Wähler zu überzeugen. Stattdessen werden ganze Gruppen gezielt demotiviert. Frauen, Minderheiten, alle, die eher zu Hillary Clinton tendierten, bekamen maßgeschneiderte Negativbotschaften serviert nicht, um sie umzustimmen, sondern um sie davon abzuhalten, überhaupt wählen zu gehen. Das ist doch mehr als nur dreiste Manipulation. Und das Perfide? Das war kein Einzelfall. Dokumente zeigen, dass Cambridge Analytica in mindestens 68 Ländern ähnliche Tricks anwandte, von den USA bis nach Kenia. Die Whistleblowerin Brittany Kaiser nannte es eine „globale Infrastruktur zur Manipulation von Wählern im industriellen Maßstab“. Da fragt man sich doch: Wenn das schon vor Jahren möglich war was können sie heute mit KI und noch mehr Daten anrichten?
Was wird, wenn die gezielte Täuschung eines Einzelnen einfacher wird als ehrliche Überzeugungsarbeit? Wenn Algorithmen entscheiden, was wir sehen, und KI-gestützte Deepfakes oder Social Bots die öffentliche Meinung unterwandern? Dann leben wir bald in einer Welt, in der wir im digitalen Raum nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden können. Und das ist kein dystopisches Szenario mehr es ist die logische Fortsetzung dessen, was wir schon heute beobachten.
Zumindest im Fall von Cambridge Analytica kam im Frühling 2018 die illegale Verwendung der Facebook Daten ans Licht der Öffentlichkeit. Facebook musste sich erklären und bekam empfindliche Strafen auferlegt. Der Markt reagierte aber nur kurz denn der Wertverlust von 134 Milliarden Dollar war schon im Mai des selben Jahres wieder ausgeglichen.
Öffentlich-rechtliche Netze: Ein notwendiger Gegenentwurf?
Ich bin mir sicher ein öffentlich-rechtliches soziales Netzwerk wäre kein Allheilmittel, aber ein dringend benötigter Gegenentwurf. Warum? Weil die aktuellen Plattformen nicht nur unsere Daten ausbeuten, sondern auch unser selbst empfinden untergraben. Algorithmen, die auf Profit getrimmt sind, radikalisieren Debatten und ersticken sachliche Diskussionen. Die EU hat mit dem Digital Services Act (DSA) zwar erste Schritte gemacht, um Tech-Konzerne in die Schranken zu weisen doch das reicht nicht. Wir brauchen Räume, in denen nicht Werbeeinnahmen, sondern öffentliches Interesse im Mittelpunkt stehen.
Die Kritik an „Staatsfunk 2.0“ ist verständlich, aber zu kurz gedacht. Ja, es gibt Risiken wie Bürokratie, mögliche Zensur, Misstrauen. Doch diese Probleme lassen sich lösen durch klare Unabhängigkeit, zivilgesellschaftliche Kontrolle und technische Offenheit. Pilotprojekte wie EU Voice zeigen, dass es machbar ist. Und ja, viele werden nicht freiwillig wechseln. Aber genau das ist der Punkt wir müssen Alternativen schaffen, bevor die Macht der Tech-Giganten so groß wird, dass sie nicht mehr zu brechen ist.
Natürlich wäre ein öffentlich-rechtliches Netzwerk kein neutrales Tool. Es würde Macht verschieben weg von Konzernen, die uns als Datenlieferanten sehen, hin zu einer Infrastruktur, die uns als Menschen ernst nimmt. Die Tech-Lobby wird das als „Zensur“ brandmarken, doch in Wahrheit fürchtet sie nur um ihre Monopole. Die Frage ist nicht, ob der Staat hier eingreifen soll, sondern wie. Ein öffentlich-rechtliches Netzwerk müsste transparent, datensparsam und kompatibel mit dezentralen Alternativen wie Mastodon sein. Es müsste besser sein als die kommerziellen Plattformen nicht durch Zwang, sondern durch Überzeugung.
Doch selbst wenn es scheitert: Der Versuch allein würde Druck auf Meta & Co. ausüben, ihre Praktiken zu ändern. Vielleicht brauchen wir gar kein eigenes EU-Netzwerk, sondern stärkere Regeln und mehr Förderung für bestehende Alternativen. Aber eines ist klar wenn wir nichts tun, bleibt die digitale Öffentlichkeit eine Spielwiese für Konzerne, die mit unseren Daten und unserer Aufmerksamkeit Milliarden machen.
Persönlich würde ich ein solches Netzwerk nutzen nicht aus Idealismus, sondern aus Selbstschutz. Denn die aktuelle Machtkonzentration ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis von Gleichgültigkeit. Und die können wir uns nicht länger leisten.