
Machtlos ?
Meine These: Wir haben uns entsozialisiert und sind dadurch machtlos geworden! Im 20. Jahrhundert war die Bevölkerung einflussreicher als im 21. Jahrhundert. Um eine Wechselstimmung wie 1996-97 zu ermöglichen war es nötig die Menschen direkt zu erreichen. So kam es zwangsläufig zu Diskussionen und zur allgemeinen Meinungsbildung. Heute im 21. Jahrhundert ist es so das die Mehrheit sich darauf beschränkt indirekt zu kommunizieren. Das Mittel der Wahl sind oft soziale Medien. Dadurch haben wir uns ein gutes Stück entsozialisiert. Denn die sozialen Medien verkürzen Aufgrund der Beschränkungen die Tiefe der Argumente und eine unmittelbare Reaktion auf die eigenen Argumente wird verhindert.
Irgendetwas hat sich verändert?
Ende 1996 war ich das erste Mal auf einer „Kohl muss weg Party“ eingeladen. Es war eine interessante Erfahrung, denn es gab damals eine echte Wechselstimmung und man wusste auch klar was man nicht mehr wollte als auch der Zeiger der auf die Zukunft zeigte war klar erkennbar. Zumindest zum Jahreswechsel 1996/97! Zu dieser Zeit waren die Meinungen weniger stark fragmentiert. Wahrscheinlich weil das Informationsangebot besser aufbereitet war. Heute scheint es ~80 Millionen unterschiedliche Meinungen zu geben. Algorithmen verstärken die Fragmentierung ungemein und befördern eine negative Aufmerksamkeitsökönomie.
Seit der Wahl in Sachsen Anhalt empfinde ich die Stimmung in den sozialen Medien kompromissloser. Propaganda, falsche Behauptungen und Videos wo politisch Verantwortliche lächerlich gemacht werden nehmen an den politischen Rändern zu. Vorab ich möchte nicht ausschließen, dass ich mich, wenn ich soziale Medien konsumiere, mich in einer Informationsblase befinde und irgendein Algorithmus meinen Eindruck stetig verstärkt.
Aber auch außerhalb des weltumfassenden digitalen Netzes verstärkt sich mein Eindruck das es einen wachsenden Unwillen zum diskutieren gibt. Dabei ist es für eine lebendige Gesellschaft entscheidend zu überzeugen und die Bereitschaft zu haben überzeugt zu werden. Meinungen sind inzwischen monolithisch unveränderbar geworden! Wenn diskutiert wird, dann um zu gewinnen nicht um zu überzeugen.
Viele haben anscheinend keine Geduld mehr um zu warten bis das Land seine Richtung ändert oder sehen sich machtlos dem Berliner Kurs ausgesetzt. Das Gefühl der Machtlosigkeit ist ein bisschen verständlich, wenn die Bahn nicht fährt, die Brücken in Serie ausfallen und es einen stetigen Sparzwang bei den sozialen Leistungen gibt. Im Allgemeinen entsteht der Eindruck das unser Land finanziell überfordert ist. Viele Leistungen des Staates an die Gesellschaft und dem Einzelnen gegenüber sind zum großen Teil aus unserem Grundgesetz heraus begründbar und ich bin empört wenn man sich im Berliner Regierungsviertel per Rasenmäher einen schlanken Staat schaffen möchte. Anderseits sind die Regierungen immer wieder in der Lage für Banken, Verteidigung und die Unterstützung der Ukraine immer wieder neues Geld zu beschaffen. Teilweise noch mit abgewählten Mehrheiten!
Bei meiner Arbeit als Betriebsratsvorsitzender ist der Kompromiss das Maß der Dinge. Ich muss mit meinen Mitstreiterinnen viele kleine Schritte gehen um ans Ziel zu kommen. Auch müssen wir widerstreitende Interessen ausgleichen. Die Arbeit gleicht der Bedienung eines Steuerrads. Das Schiff ist träge und es braucht Zeit bis der Pott in die richtige Richtung zeigt. Aber es fährt! Aktuell wünsche ich mir weniger persönliche Empfindlichkeiten.